ADR Gefahrgutvorschriften Sondervorschriften

ADR Gefahrgutvorschriften Sondervorschriften
3 (60%) 2 Bewertung(en)

ADR Gefahrgutvorschriften Sondervorschriften

Sondervorschriften richtig verstehen

Dieser Tage erreichte mich eine Anfrage zum Verständnis der ADR Gefahrgutvorschriften Sondervorschriften, hier im Kapitel 3.3 die Sondervorschrift (SV) 300. Derartige Fragen sind typisch zum Vertändnis von Sondervorschriften und bedürfen häufig der näheren Erklärung. Leider wird diese in den meisten ADR Gefahrgutschulungen aus unterschiedlichen Gründen nicht gegeben.

Die Sondervorschrift 300 im Wortlaut: „Fischmehl, Fischabfälle und Krillmehl dürfen nicht verladen werden, wenn die Temperatur zum Zeitpunkt des Verladens mehr als 35 °C oder 5 °C mehr als die Umgebungstemperatur beträgt, je nachdem, welcher der beiden Werte höher ist.“

Zu dieser Sondervorschrift 300 wurde nun von Herrn Theo V. die folgende Frage gestellt:

Im ADR 3.3.1, Randnummer  Sondervorschrift 300, steht: „Fischmehl, Fischabfälle und Krillmehl dürfen nicht verladen werden, wenn die Temperatur zum Zeitpunkt des Verladens mehr als 35 °C oder 5 °C mehr als die Umgebungstemperatur beträgt, je nachdem, welcher der beiden Werte höher ist.“

Wenn ich nun Fischmehl mit einer Temperatur von 36° bei einer Umgebungstemperatur von 32° verladen und auf einem Seeschiff transportieren möchte, welche Temperaturobergrenze ist dann maßgeblich?
Einerseits könnte es aufgrund der 35°-Obergrenze untersagt sein, andererseits aufgrund der Umgebungstemperatur von 32° + 5°=37° doch erlaubt sein.

Auflösung der Frage – allerdings ohne die Seebeförderung zu berücksichtigen, die in den ADR Gefahrgutvorschriften im Abschnitt 1.1.4.2 als Transportkette erwähnt wird:
Die Verladung ist verboten, weil die Temperatur des Fischmehls von 36°C die erlaubte Maximal-Temperatur von 35°C überschritten hat – das ist in diesem Fall der höhere Wert.

Warum legen die ADR Gefahrgutvorschriften Sondervorschriften mit solchen Grenzwerten fest?

Erinnern Sie sich noch, als Sie als Kind im Hochsommer in einem Sandkasten gespielt haben? Oberflächlich war der Sand sehr warm, aber sobald man sich mit der Hand etwas tiefer eingegraben hatte, wurde es schnell angenehm kühl, und das obwohl die Sonne den ganzen Tag darauf geschienen hat.

Für unser Fischmehl gilt das gleiche: Innen ist es unter normalen Umständen immer deutlich kühler als draußen. Die Temperatur des Fischmehls muss innen gemessen werden und nicht an der Oberfläche.

Wenn nun die Innentemperatur im Fischmehl höher ist als die Umgebungstemperatur, dann muss ein besonderer Umstand eingetreten sein; nämlich eine chemische Zersetzung oder Fäulnis – siehe hierzu auch Wikipedia.

Hierzu reicht eine dauerhafte, höhere Feuchtigkeit aus, um einen solchen Zersetzungsprozess mit Hilfe von Sauerstoff (ist immer in unserer Atemluft) eine Oxydation einzuleiten und aufrecht zu erhalten, wobei es zu einer Erwärmung des Fischmehls kommt. Denken Sie dabei mal an den Misthaufen bei einem Bauern im Winter. Der Misthaufen dampft, also muss es innen im Misthaufen warm sein. Der Dampf ist tatsächlich Wasserdampf und in den kühleren Jahreszeiten gut zu sehen.
Die Erwärmung des Fischmehls ist ein fortschreitender Prozess, wobei die Innentemperatur stetig ansteigt; und zwar solange, bis es tatsächlich zu einer Selbstentzündung kommt. Diese Gefahr besteht bei fast allen organischen Stoffen und ist je nach Stoff mehr oder weniger stark ausgeprägt.

Aus diesem Grund ist Fischmehl Gefahrgut der Gefahrgutklasse 4.2 Selbstentzündliche Stoffe und wird in folgende UN-Nummern unterteilt:Gefahrgutklasse 4.2

UN1374 FISCHMEHL (FISCHABFALL), NICHT STABILISIERT, Kl. 4.2, VG II

UN2216 Fischmehl (Fischabfälle), stabilisiert, Kl. 9

Im Fall von UN 2216 wurden sogenannte Antioxidantien verwendet, die den beschriebenen Zersetzungsprozess verhindern. Eine Selbstentzündung ist somit nicht mehr möglich.
Deshalb wurde die UN2216 der Gefahrgutklasse 9 zugeordnet, Klassifizierungscode M11, anderer Stoff, der während der Beförderung eine Gefahr darstellt und nicht unter die Definition einer anderen Klasse fällt. UN2216 unterliegt somit nicht mehr den ADR Gefahrgutvorschriften und muss nicht als Gefahrgut behandelt werden.

Die konkrete Anwendung der ADR Gefahrgutvorschriften Sondervorschriften – Sondervorschrift 300

Wir finden in der Sondervorschrift 300 zwei Grenzwerte. Einmal ist es eine Temperaturgrenze von 35°C als Innentemperatur des Ladeguts und einmal eine Temperaturdifferenz von 5°C zwischen der Innentemperatur des Ladeguts und der Umgebungstemperatur. Je nach dem welcher Grenzwert zuerst erreicht bzw. überstiegen wird, folgt daraus ein Ladeverbot.

Am Beispiel der Frage von Herrn Theo V. ist die Innentemperatur mit 36°C bereits höher als der zugelassene Höchstwert von 35°C. Die Temperaturdifferenz von 4°C liegt bei 32°C Umgebungstemperatur zwar noch innerhalb der Toleranz von 5°C, jedoch ist der erste Wert bereits überschritten. Deshalb besteht ein Ladeverbot.

Nehmen wir ein anderes Beispiel: Die Umgebungstemperatur sei 20°C und die Innentemperatur des Fischmehls wird mit 30°C gemessen. Wir haben also eine Differenz von 10°C. Dann muss bereits ein erheblicher Zersetzungsprozess in dem Fischmehl eingesetzt haben, sonst wäre diese Differenz nicht möglich. Also besteht ebenfalls ein Ladeverbot, obwohl die maximal erlaubte Innentemperatur von 35°C noch längst nicht erreicht ist.

Der Temperaturdifferenzwert von 5°C ist ein vom Gesetzgeber willkürlich festgelegter Grenzwert. Er resultiert aus der Tatsache, dass jeder Temperaturanstieg innerhalb eines Zersetzungsprozesses eine gewisse Zeit braucht. Diese Zeit ist bei einer maximalen Differenz von 5°C gegeben, um während eines Gefahrguttransports die kritische Temperatur nicht zu erreichen, da der Transport dann längst abgeschlossen sein wird.
Anders sieht es bei einer höheren Differenz aus – in unserem vorangegangenen Beispiel 10°C. Der Temperaturanstieg entsteht ja nicht linear, sondern er wird immer schneller. Es ist ein sich stetig aufschaukelnder, schneller werdender Prozess. Die Zeit, die bis zur Selbstentzündung vergeht, ist so deutlich kürzer, sodass die Sicherheit eines Gefahrguttransports nicht mehr gewährleistet werden kann.

Die vorstehenden Aussagen treffen auf UN3497 KRILLMEHL gleichermaßen zu.
Übrigens: Selbst HEU hat im ADR eine eigene UN-Nummer, UN1327, ist aber von den weiteren ADR Gefahrgutvorschriften ausgenommen.

Lesen Sie stets unbedingt die ADR Gefahrgutvorschriften Sondervorschriften.

Home

Gefahrgut heißt deshalb Gefahrgut, weil es wirklich gefährlich ist.

Es gelten immer die jeweils gültigen Fassungen nach ADR, ICAO-TI, IATA DGR und die nationalen Bestimmungen und Gesetze.

Schreibe einen Kommentar


*